Der Fehltritt

Sie waren spät aufgebrochen. „Zeit ist nicht dehnbar“, grübelte sie für sich. Doch jetzt fuhren sie endlich bergauf. Selena, Ihrer beider Augenstern, schlief selig im Kindersitz.
Die Scheinwerfer tasteten sich an der schmalen Fahrspur entlang. Diffuses Restlicht hing im Wald. Sie knetete ihre Hände in Ihrem Schoß. „Bring uns sicher hinauf, alter Mann“, beschwor ihre innere Stimme den Mond. Sie schaute auf seine leuchtende Silhouette, vor der die Wolken flüchtig vorüberzogen. Sein freundliches Zwinkern gab ihr Mut.
„Wir könnten mal wieder auf die Hütte fahren“, hatte er vor zwei Wochen eher so nebenbei gesagt. Schweren Herzens hatte sie zugestimmt. Tom hatte ihr dazu geraten. „Damit es nicht auffällt!“.
Nach der letzten Kurve sah sie die Fackeln. „Überraschung!“, sagte er und schaute sie triumphierend an. Seine Augen blitzten. Eine ungute Vorahnung beschlich sie. „Weiss er von Tom?“ Die Hütte näherte sich schnell. „Pass auf!“, rief sie. Quietschend und rutschend kam das Auto kurz vor der Eingangstreppe zum Stehen.
Vor der Abfahrt hatte sie versucht, Tom zu erreichen. Doch sie hörte nur seine beruhigende Stimme auf dem Anrufbeantworter. Hier oben hatte sie keinen Empfang. Sie stieg aus. Fröstelnd schlang sie die Arme um sich.
Selena gähnte und streckte sich. Sie hob sie behutsam aus dem Kindersitz. Während sie sich in der Hütte um die Kleine kümmerte, brachte er die Rucksäcke und ihre Vorräte hinein. Bald darauf brannte das Feuer im Kamin. Alles war so wie immer.
Nachdem Selena wieder eingeschlafen war, schlich sie nochmal nach draußen. Die Fackeln waren erloschen. Ihr stiller Begleiter stand unerschütterlich über ihr. „Bleib‘ bei mir“, bat sie ihn.
Sie schaute durch das Fenster in den Wohnraum. Er saß am Tisch. Der Feuerschein aus dem Kamin verteilte orange-rotes Licht flackernd im Raum. In der Scheibe sah sie das Spiegelbild des Mondes, der in dem lodernden Kaminfeuer zu verbrennen schien.
„Ich muss mit ihm reden“, fasste sie einen Entschluss.
Drinnen roch es nach frischem Brot und Schinken. Links von den Holzbrettchen lagen die karierten Stoffservietten, rechts die wuchtigen Messer mit dem Hirschhorngriff.
Sie aßen langsam und schweigend. Später holte er den Enzian aus dem Holzschränkchen neben dem Tellerbord. Wortlos prosteten sie sich zu. „Jetzt!“, sagte sie sich. In diesem Moment stand er auf und stapfte nach draußen.
Der Alkohol zeigte allmählich seine Wirkung. Als er wieder hereinkam, verließ sie der Mut. Wortlos gab sie ihm ein Zeichen, dass sie sich schlafen legen würde.
Nachdem sich die Tür geschlossen hatte, griff er nach seinem Glas und trank es hastig aus. Häufig hatten sie den Schnaps hier oben getrunken, zusammen mit ihren Freunden. Oft mit Tom, seinem besten Kumpel. „Ausgerechnet Tom“, sinnierte er, „wie lange schon?“ Er hatte eher beiläufig von der Affäre erfahren; die eine oder andere Bemerkung, bis das Bild für ihn unerträglich stimmig war.
Er spähte hinaus in die Nacht. Schwarz standen die Baumwipfel vor dem Mond. Er füllte sein Glas erneut. Sein Atem wurde schneller. Er nahm eines der Messer in die Hand, öffnete das Fenster und sog die frische Luft ein. Bis seine Lungen schmerzten. Sein Blick fiel auf die Tür zum Schlafraum. „Warum?“, schleuderte er einen Schrei hinaus in die Nacht und rammte das Messer in den Fensterrahmen.

Sie lag auf der Matratze und schaute auf die Bretter über ihr, auf denen sich merkwürdige Szenen abspielten.
… er rannte hinter ihr her, das Messer in der Hand, sie schlug einige Haken, erklomm‘ den Hügel, mit der Kraft des Mondes erhob sie sich in die Luft, beobachtete ihn von oben, er blieb stehen, rannte Richtung Hütte, sie erkannte seine Absicht, Selena, sie landete pfeilschnell vor der Hütte, stürzte hinein, nahm das Kind in Ihre Arme, sie hörte sein Trampeln und Schnaufen und Fluchen, da stand er schon im Türrahmen, sie umschlang Selena fester, wie in Zeitlupe kam er auf sie zu, Flammen züngelten aus seinen Augen, seine Lippen formten ein Wort, „Warum?“, die Hand mit dem Messer schwebte über ihr, Selena weinte …
Selena weinte? Es war ein Weinen, das sie kannte. Sie nahm sie auf und trug sie in den Wohnraum. Er stand mit dem Messer in der Hand am Fenster. „Was ist?“, fragte sie. „Ach nichts“, murmelte er, „da ist so ein Kratzer … ich reparier‘ das morgen.“
Er kam ihr seltsam verloren vor.
Nachdem die Kleine wieder eingeschlafen war, betrat sie leise den Wohnraum. „Lass‘ uns reden“, sagte sie sanft. Dabei fiel ihr auf, dass draußen wieder Fackeln brannten. „Reden? Ha!“, rief er und lachte spöttisch. „Worüber?“ Sie blieb abwartend stehen. „Tom, nicht wahr!“, sagte er und hob die Stimme, „es ist wegen Tom!“ Er starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an. Sein Haar hing wirr herunter; sein Gesicht war fratzenhaft verzogen.
Langsam öffnete er die Tür und wisperte Unverständliches in die Nacht. Dann faltete er die Hände vor seiner Brust und schürzte die Lippen. „Siehst du die Fackelmänner?“, fragte er. „Sie werden uns helfen.“ Sie sah nur das flackernde Licht der Fackeln im schwächer werdenden Mondschein. „Sie waren auch bei Tom.“ „Was ist mit Tom?“, hetzte eine Frage durch ihren Kopf, „hat er ihn …?“
Jählings wurde ihr klar, dass sie und Selena hier oben gefangen waren. Gleichwohl wurde sie von einer inneren Ruhe erfasst. „Gut“, sagte sie, „ich werde den Männern alles erklären. Ich ziehe mir nur etwas über.“ Er nickte und begab sich vor die Tür.
Hastig zog sie einen Pullover und ihre Lederhose an, nahm das Messer vom Küchentisch und steckte es in die Messertasche. Dann leerte sie den Inhalt des Pfefferstreuers in ihre rechte Hand und ging hinaus.
Gönnerhaft gab er ihr ein Zeichen. „Ja, ich habe ihn betrogen …“, wandte sie sich an ihre imaginären Zuhörer, „doch Ihr werdet uns helfen, wieder zueinanderzufinden. Wir werden vor Euch den Schwur der Ehe erneuern“, sagte sie und winkte ihn zu sich. Verwirrt von ihren klaren Worten zögerte er einen Moment, kam dann aber rasch näher.

Aus kurzer Entfernung schleuderte sie ihm den Pfeffer ins Gesicht. Er schrie auf und versuchte, sich das scharfe Pulver aus den Augen zu reiben. Sie zog das Messer. Wütend rannte er halbblind in ihre Richtung, doch sie wich behände aus. In einer abrupten Drehung stolperte er und schlug mit dem Hinterkopf hart auf einem Felsbrocken auf. Er krümmte sich vor Schmerzen. Sekunden später lag er regungslos auf dem Rücken. Blut lief aus seiner Nase.
Schwer atmend sank sie auf die Treppe. Das samtene Licht des Mondes legte sich schützend über sie. Ihre Welt kam zum Stehen.
Nach einer konturlosen Zeitstrecke stand sie auf und deckte den leblosen Körper mit einer Plane ab, die sie mit Steinen beschwerte.

Im letzten Mondlicht fuhr sie mit Selena talwärts. Auf dem Weg nach unten piepste ihr Smartphone.
Es war Tom.

Der Fehltritt © 2021 Wolfgang Roth , geschrieben mit Papyrus Autor. http://papyrus-autor.de

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