Der Fehltritt

Der Fehltritt

Der Fehltritt
Die schmale Fahrspur wurde vom Licht der Scheinwerfer nur spärlich erhellt. Sie hatte die Hände in ihrem Schoß gefaltet. Die Hütte schien ihr unendlich weit weg zu sein. „Bring uns sicher hinauf, alter Mann“, flehte sie den Mond an, der ihr Orientierung gab. Die Kurven, in denen auf der Talseite die Höhe des Berges offenbar wurde, ängstigten sie. Vor allem aber hatte sie Angst vor ihm.
Dabei war es noch nicht so lange her, dass sie sich hier oben ewige Treue geschworen hatten.
Als er sie fragte, ob sie zusammen mal wieder ein Wochenende auf der Hütte verbringen könnten, hatte sie schweren Herzens zugestimmt.
Tom hatte ihr dazu geraten. „Damit es nicht so auffällt“, hatte er gesagt und dabei das Lächeln aufgesetzt, das sie so in Besitz genommen hatte.
„Fahr nicht so schnell“, sagte sie angespannt. „Wir sind gleich da“, sagte er und legte seine Hand auf ihren Unterarm. Die unvermutete Berührung ließ sie zusammenzucken. Selena, ihrer beider Augenstern, schlief selig im Kindersitz. Sie bekam von den Ängsten ihrer Mutter nichts mit.

Als sie oben ankamen, sah sie die brennenden Fackeln vor der Hütte. Sie schaute ihn fragend an. „Überraschung!“, sagte er. Triumph lag in seiner Stimme. Sie kannte diesen Unterton. Eine ungute Vorahnung beschlich sie. „Weiß er von Tom?“, fragte sie sich.
Sie stieg aus. Der Himmel war sternenklar; der Mond stand still über dem Tal. Die Lichter waren unendlich weit weg. Sie hatte vor der Abfahrt versucht, Tom zu erreichen. Doch sie hörte nur seine beruhigende Stimme auf dem Anrufbeantworter. Hier oben hatte sie keinen Empfang. Fröstelnd schlang sie die Arme um sich.
Bevor er Selena behutsam aus dem Sitz hob, war sie in die Hütte gegangen, um das Bettchen herzurichten. Während sie die Kleine in den Schlaf wiegte, brachte er die Sachen hinein, die sie für das Wochenende eingepackt hatten.
Bald darauf brannte das Feuer im Kamin. Alles war so wie immer.
Nachdem Selena wieder eingeschlafen war, ging sie nach draußen.

Die Fackeln waren mittlerweile erloschen. Ihr stiller Begleiter stand unerschütterlich über ihr. Sie schaute durch das Fenster in den Wohnraum. Er saß am Tisch. Der Feuerschein aus dem Kamin verteilte orange-rotes Licht flackernd im Raum. In der Scheibe sah sie das Spiegelbild des Mondes, der in dem lodernden Kaminfeuer zu verbrennen schien. Drinnen roch es nach frischem Brot und Schinken. Das Bier hatte er in einen Steinkrug gefüllt. Links von den Holzbrettchen lagen die karierten Stoffservietten, rechts die Messer mit dem Hirschhorngriff; sie waren ihr schon immer unheimlich. „Das gehört hier oben dazu“, hatte er gesagt. Sie aßen langsam und schweigend. Später holte er den Enzian aus dem Holzschränkchen neben dem Tellerbord. Wortlos prosteten sie sich zu. „Jetzt!“, sagte sie sich und nahm ihren ganzen Mut zusammen. Sie wollte reden. In diesem Moment stand er auf und stapfte nach draußen. Die Holzscheite im Kamin glommen. „Morgen … ich werde es ihm morgen sagen“, dachte sie sich.

Der Alkohol zeigte allmählich seine Wirkung. Als er hereinkam, gab sie ihm ein Zeichen, dass sie sich schlafen legen würde. Er nickte.
Nachdem sich die Tür geschlossen hatte, griff er nach seinem Glas und trank es aus. Der Schnaps entspannte ihn. Häufig hatten sie ihn hier oben getrunken, zusammen mit ihren Freunden. Oft mit Tom, seinem besten Kumpel.
Er hatte bei einer Geburtstagsfeier von der Affäre erfahren. Beiläufige Bemerkungen, die sich verdichteten. Bis sich für ihn ein unerträglich stimmiges Bild ergab. Tom, sein bester Kumpel. Ausgerechnet Tom. „Wie lange schon?“, fragte er sich.
Er spähte hinaus in die Nacht. Schwarz standen die Baumwipfel vor dem Mond. Er griff zur Flasche, versuchte, das Glas erneut zu füllen. Es gelang ihm nicht sofort. Sein Atem wurde schneller. Dann nahm er eines der Messer in die Hand und öffnete das Fenster. Er sog die frische Luft ein, bis seine Lungen schmerzten. Sein Blick fiel auf die Tür zum Schlafraum. „Warum?“, schleuderte er einen Schrei in die Nacht und rammte das Messer in die Tischplatte.

Obwohl sie müde war, fand sie keine Ruhe. Sie lag auf der Matratze, die Augen auf die Bretter über ihr gerichtet. Selena schlief. „Wie soll ich es ihm sagen?“, fragte sie sich. „Wie wird er reagieren?“.

Mit diesen Gedanken fiel sie in einen fieberhaften Schlaf. … er rannte fluchend hinter ihr her … wild mit dem Hirschhornmesser fuchtelnd … doch sie kannte hier jeden Winkel … schlug mit List einige Haken im Wald … mal kam er näher … dann war sie wieder unter ihm … er trat einige Felsbrocken los, die auf sie zurollten … wie eine Superheldin erklomm sie mit Leichtigkeit den Hügel … dann erhob sie sich in die Luft … beobachtete ihn von oben … er blieb stehen … blickte sich suchend um … er konnte sie nicht entdecken und setzte sich wieder in Richtung Hütte in Bewegung … sie erkannte seine Absicht … Selena! … pfeilschnell schoss sie nach unten und landete vor der Hütte … sie ging hinein und nahm das Kind in Ihre Arme … sie hörte sein Trampeln und Schnaufen und Fluchen … er konnte unmöglich schon so nah sein … doch dann stand er schon im Türrahmen … sie umschlang Selena fester … ihre Superkräfte waren verbraucht … wie in Zeitlupe kam er auf sie zu … sie sah ihm ins Gesicht … Flammen züngelten in seinen Augen … seine Lippen formten ein Wort … „Warum?“ … die Hand mit dem Messer schwebte über ihr … Selena weinte …“
Selena weinte? Es war ein Weinen, das sie kannte. Sie schaute zu der Kleinen, die sie mit verheulten Augen ansah.

Sie nahm sie auf und trug sie in den Wohnraum. Er stand vor dem Tisch und schabte mit dem Messer darauf herum. „Was ist?“, fragte sie. „Ach nichts“, murmelte er, „da ist so ein Kratzer auf dem Tisch … den reparier‘ ich morgen.“ Er kam ihr seltsam verloren vor. „Ja, morgen“, sagte sie, „aber jetzt mach‘ erstmal eine Flasche für Selena fertig; ich muss sie wickeln.“ Ihre klaren Worte brachten ein wenig Ordnung in seine Gedankenwelt.
Als Selena wieder schlief, ging sie noch einmal in den Wohnraum. Sie wähnte die Gelegenheit günstig. „Ich muss mit Dir reden“, sagte sie. Dabei fiel ihr auf, dass draußen wieder Fackeln brannten.
„Reden? Ha!“, rief er und lachte spöttisch. „Worüber denn?“ Sie blieb abwartend stehen. „Tom, nicht wahr!“, sagte er und hob die Stimme, „Tom … es ist wegen Tom“.
Er starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an. Sein Haar hing wirr herunter; sein Gesicht war fratzenhaft verzogen. „Aber Du bleibst für immer und ewig bei mir“, sagte er und wiederholte den Satz in einem wahnwitzigen Sprechgesang, immer und immer wieder.

Langsam, ohne sie aus den Augen zu lassen, öffnete er die Tür und wisperte Unverständliches in die Nacht. Dann schaute er sie an, faltete die Hände vor seiner Brust und schürzte die Lippen.
„Siehst du die Fackelmänner?“, fragte er in den Raum und deutete nach draußen. „Sie werden uns helfen“.
Sie sah nur das flackernde Licht der Fackeln im schwächer werdenden Mondschein.
„Sie haben sich bei mir gemeldet, als sie von deiner Treulosigkeit erfahren hatten. Sie waren schon bei Tom.“ In seinen Augen spiegelte sich der Fackelschein.
„Was ist mit Tom?“, hetzte eine Frage durch ihren Kopf. „Hat er ihn …?“. Ihr Gehirn weigerte sich, den Gedanken zu Ende zu führen. Jählings wurde ihr klar, dass sie und Selena hier oben gefangen waren. Gleichwohl wurde sie von einer seltsamen Ruhe erfasst.
„Gut“, sagte sie, „lass uns hinausgehen. Ich werde den Männern alles erklären. Aber vorher ziehe ich mich um. Ich kann vor denen doch nicht im Nachtgewand erscheinen. Sag ihnen, dass ich komme.“ Das leuchtete ihm ein. Er ging hinaus. Durch das Fenster sah sie, wie er einsam gestikulierend vor der Hütte stand.

Sie warf einen Blick auf die schlafende Selena, zog hastig einen Pullover und ihre Lederhose an. Im Wohnraum nahm sie das Messer vom Küchentisch und steckte es in die Messertasche. Dann leerte sie den Inhalt des Pfefferstreuers in ihre rechte Hand und trat nach draußen.
Er gab ihr ein Zeichen. „Ja, ich habe ihn betrogen …“, wandte sie sich an ihre imaginären Zuhörer, „aber Ihr werdet uns helfen, wieder zueinanderzufinden. Wir werden vor Euch den Schwur der Ehe erneuern“, sagte sie und winkte ihn zu sich.
Arglos ging er zu ihr. Als er nah genug war, schleuderte sie ihm den Pfeffer ins Gesicht. Er schrie auf und versuchte, sich das scharfe Pulver aus den Augen zu reiben. Sie zog das Messer. Wütend rannte er halbblind in ihre Richtung, doch sie wich behände zur Seite. In einer abrupten Drehung stolperte er und schlug mit dem Hinterkopf hart auf einem Felsbrocken auf. Er schrie und krümmte sich vor Schmerzen.

Sekunden später lag er regungslos auf dem Rücken. Blut lief aus seiner Nase. Schwer atmend sank sie auf die Treppe.
Ihr war, als ob die Zeit stillstehen würde. Sie beobachtete ihn wachsam, bis sie sicher war, dass er keine Macht mehr über sie hatte. Wie in Zeitlupe steckte sie das Messer in die Messertasche.
Nach einer ganzen Weile deckte sie den leblosen Körper mit einer Plane zu, die sie mit Steinen beschwerte. Im letzten Mondlicht fuhr sie mit Selena zum Haus des Försters. Auf dem Weg nach unten piepste ihr Smartphone. Es war Tom.

Der Fehltritt © 2020 Wolfgang Roth , geschrieben mit Papyrus Autor. http://papyrus-autor.de

http://der-roman-in-dir.de/www-der-roman-in-dir-de-kurzgeschichten/
http://der-roman-in-dir.de/www-der-roman-in-dir-de-kurzgeschichten/der-fehltritt/

Scroll to Top